Historikerin Sarah Kasper-Brötz referierte beim Denkmalverein im Schloss über Hexenverfolgung

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Als die Scheiterhaufen brannten
Sinzig. Gingen Hexenglaube und -verfolgung von der katholischen Kirche aus? Waren nur Frauen betroffen und fanden die Prozesse willkürlich, religiös motiviert und im Mittelalter statt? Viele falsche Meinungen, die über das Hexenwesen kursieren, konnte Historikerin Sarah Kasper-Brötz jüngst beim „Turmgespräch im Schloss“ des Vereins zur Förderung der Denkmalpflege und des Heimatmuseums zurechtrücken.

Ihr spannendes Thema „Hexen – Mythos und Wirklichkeit eines sozialen Phänomens“ füllte den Kultursaal. Und auch nach dem Vortrag machten Fragen und Überlegungen aus dem Publikum deutlich, wie groß der Erklärungsbedarf für die unerbittliche Hatz ist. Mit dem Phänomen hatte sich die Referentin, die auch Mitglied im Vorstand des Vereins ist,  bereits im Studium befasst. Die Beispiele aus der Region entnahm sie Gerhard Knolls Buch „Hexenjagd: Hexenverfolgung im Kreis Ahrweiler 1500-1660“.

Bevor aber die Rede war von Fey Lindner aus Antweiler, Maria Neliß aus Green/Lohrsdorf oder vom prominentesten Ahrweiler Opfer, Bürgermeister Nikolaus Stapelberg, der 1629 hingerichtet wurde, stellte sie klar, dass der Glaube an Hexen bis in die Antike zurückreicht und sich in ihm Naturglaube, vorchristliche und christliche Vorstellungen mischen. Nicht das „finstere“ Mittelalter, sondern die beginnenden Neuzeit war das Zeitalter der Verfolgung. Zwar standen Frauen als das vermeintlich moralisch labilere und sexuell aktivere Geschlecht im Fokus, was auch Gräfin Margaretha von Arenberg plausibel fand, die mitnichten so aufgeklärt war, wie die lokale Geschichtsschreibung sie schildert, aber auch Männer und sogar Kinder wurden verfolgt. Neben religiösen Gründen spielten während der Hochzeit der Verfolgungen zwischen 1560 und 1660 die wirtschaftlichen, sozialen, klimatischen Umbrüche eine Rolle. Die Reformation brachte die Machtverteilung ins Schwanken und die dramatische Agrarkrise durch den Temperaturabfall der „Kleinen Eiszeit“ zog Hunger, Not und Krankheit nach sich.

Dem ging voraus, dass 1320 Papst Johannes XXII. erlaubte, die Inquisition von den Ketzern auf die Hexen auszuweiten. Daraufhin begann die systematische Verfolgung in der Schweiz. 1446/47 wurde sie erstmals in Deutschland geübt. 1468 erfolgte die päpstliche Zulassung der Folter bei den Prozessen. Der 1486 erschienene „Hexenhammer“, ein Handbuch für Hexenprozesse des Dominikaners und Inquisitors Heinrich Kramer, heizte die Jagd fatal an.

Als Schuldige glaubten die von Missernten, Hunger und Epidemien geplagten Menschen Hexen und Teufel auszumachen. Was wenige wissen: Weder die kirchliche Inquisition noch die weltlichen Machthaber waren die Haupttreiber der Verfolgung. Vielmehr gründete häufig die dörfliche Bevölkerung etwa in Ahrweiler, Königsfeld und Kempenich Ausschüsse, um Hexen ausfindig zu machen, oder sie nötigte die Obrigkeit hart gegen sie vorzugehen. An Verdächtigen war in einer engen Dorfgemeinschaft, in der soziale Spannungen, zumal in einer krisenhaften Zeit, nicht ausblieben, kein Mangel. In den unter der Folter erzwungenen Geständnissen gaben die Beklagten Verbrechen zu, die sie niemals begangen hatten. Sie gestanden nach intensiver Befragung zudem den Hexenflug, den Pakt und den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Auch wurden sie bedrängt, Komplizen nennen, die sie auf dem Hexensabbat gesehen haben sollten.

So forderte das „Große Brennen“ allein zwischen 1628 und 1639 in Ahrweiler 30 Menschenleben, „mehr als die Hälfte der Hinrichtungen in 150 Jahren“. An vielen Orten im Kreis Ahrweiler brannten die Scheiterhaufen, aber wohl nirgends so oft wie im kurkölnischen Amt Nürburg, als die Grafen von Arenberg es von 1556 bis 1657 als Pfand besaßen. Auch dort hatten die Untertanen gebeten „das Unkraut auszurotten“. Jahr um Jahr rollten ganze Prozessserien. Schrecklicher Höhepunkt: Im Jahr 1609 wurden durch den Statthalter von Nürburg, Reinhard Bassel der Jüngere von Gymnich, 62 Menschen, 56 Frauen und sechs Männer in Hütten verbrannt.

BILDZEILE
Sarah Kasper-Brötz referierte über die Hintergünde der Hexenverfolgung. Foto: Denkmalverein

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